Welche wirtschaftspolitischen Themen sollten auf EU-Ebene nach der Wahl prioritär angegangen werden?
Das Diagramm zeigt auf, welche Prioritätensetzung die Wirtschaft von der EU erwartet.

Im Juni findet die Europawahl statt. „Ein guter Anlass, die lippische Wirtschaft zu fragen, welche Bedeutung die europäische Integration für die Unternehmen hat, wie sich aktuelle EU-Initiativen auf die Unternehmen auswirken und welche Prioritäten die Europäische Union (EU) setzen sollte“, findet Volker Steinbach, Präsident der Industrie- und Handelskammer Lippe zu Detmold (IHK Lippe).

 

47 Unternehmen aus Lippe und bundesweit knapp 3.000 Unternehmen haben sich am „IHK-Unternehmensbarometer Europa“ der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) beteiligt. „Für den Großteil der Unternehmen spielt die Europäische Union eine große Rolle. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Wirtschaftsstandort Europa in den letzten Jahren an Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität eingebüßt hat. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf“, fasst Steinbach das Ergebnis der Umfrage zusammen.

 

Die EU ist den Unternehmen wichtig

„Viele Unternehmen in Lippe profitieren von den Vorteilen, die ihnen die europäische Integration bietet“, resümiert Svenja Jochens, Hauptgeschäftsführerin der IHK Lippe und ergänzt: „Die politische Stabilität in Europa hat dabei für die Wirtschaft einen besonders hohen Stellenwert.“ (Lippe: 83 Prozent, Bund: 82 Prozent). Ähnlich hohen Nutzen ziehen die Unternehmen aus dem gemeinsamen Währungsraum (Lippe: 80 Prozent, Bund: 76 Prozent), der Harmonisierung der nationalen Rechtsrahmen (Lippe 73 Prozent, Bund: 64 Prozent) sowie der EU-Normen und -Standards (Lippe 69, Bund: 68 Prozent).

 

Den einfachen Zugang zu den europäischen Märkten bewerten sieben von zehn Unternehmen als Vorteil (Bund: 66 Prozent). Für ein Viertel spielt der Zugang – branchenunabhängig – keine Rolle. Knapp 60 Prozent der befragten Unternehmen ziehen aus der gemeinsamen Handelspolitik, den EU-Freihandelsabkommen sowie der Zollunion einen Nutzen (Bund: 57 Prozent). EU-Förderprogramme sind für rund 43 Prozent der Unternehmen von Bedeutung (Bund: 54 Prozent). Weniger wichtig ist der Zugang zu europaweiten Finanzierungsmöglichkeiten: Nur ein Sechstel der Unternehmen in Lippe profitiert davon (Bund: 31 Prozent).

 

Ein gemischtes Bild ergibt sich bei der Fachkräftegewinnung aus anderen EU-Mitgliedstaaten: Knapp jedes dritte lippische Unternehmen ist nicht davon betroffen (Bund: 18 Prozent). Einen geringen Nutzen geben 26 Prozent (Bund: 35 Prozent) und einen großen Nutzen 21 Prozent (Bund: 26 Prozent) der Unternehmen an.

 

Bürokratieabbau hat oberste Priorität

„Mehr als die Hälfte der befragten lippischen Unternehmen findet, dass der Standort Europa in den letzten fünf Jahren an Attraktivität verloren hat“, resümiert Jochens. „Die Bürokratie und hier vor allem die überbordenden Berichtspflichten belasten die Wettbewerbsfähigkeit enorm“, legt Jochens den Finger in die größte Wunde. „Kein Wunder, dass fast alle Unternehmen die EU dazu auffordern, Bürokratie abzubauen.“ An zweiter und dritter Stelle folgen in Lippe wie im Bund die sichere Energieversorgung und der Schutz vor Cyberangriffen.

 

Chancen und Risiken für die Wettbewerbsfähigkeit

„Ein konsequenter Bürokratieabbau hätte positive Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit“, so Timm Lönneker, Referent der IHK Lippe. Davon gehen für zwei Drittel der Unternehmen in Lippe und gut drei Viertel der Unternehmen auf Bundesebene aus. „Die Umfrage zeigt aber auch, dass die Unternehmen in einigen der geplanten bzw. bereits auf den Weg gebrachten Regelungen des EU Green Deal Risiken für die Konkurrenzfähigkeit sehen“, berichtet Lönneker. So erwarteten 46 Prozent der lippischen Unternehmen, dass sich die Einführung neuer Sorgfaltspflichten in der Wertschöpfungskette negativ auswirkt (Bund: 43 Prozent).

 

Bei den Auswirkungen bestimmter EU-Initiativen wie der EU-Taxonomie, beim CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) oder den KMU-Nachhaltigkeitsstandards machen viele Unternehmen gar keine Angabe, der Rest ist sich uneins. In jedem Fall gilt nach Meinung von IHK-Hauptgeschäftsführerin Svenja Jochens: „Maßnahmen, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen, sollten schnellstmöglich angepasst oder zurückgenommen werden.“

 

Rahmendaten der Umfrage

An der Umfrage haben sich in Lippe 35 Prozent der in der IHK-Vollversammlung und den IHK-Ausschüssen engagierten Unternehmen beteiligt. Sie gehören den Branchen Industrie (30 Prozent), Dienstleistung (35 Prozent), Handel (25 Prozent), Bau- und sonstige Unternehmen (10 Prozent) an. Der Großteil der antwortenden Unternehmen (63 Prozent) ist international aktiv, 44 Prozent in der EU und Drittstaaten, 17 Prozent nur in der EU und drei Prozent ausschließlich in Drittstaaten. Die Befragung fand vom 19. bis 27. Februar 2024 statt.

 

Pressemeldung: IHK