Auf einen erfrischenden Beginn folgte im ersten Durchgang ein zeitweises Debakel – und doch bewies der TBV Lemgo Lippe beim Titelanwärter aus Kiel nach dem Seitenwechsel Moral. Für etwas Zählbares kamen die ersatzgeschwächten Lipper an diesem Abend aber nicht in Frage: Am Ende siegte der THW mit 33:23 (20:9). „Dass wir die zweite Halbzeit trotzdem gewinnen, sollten wir positiv mit ins letzte Saisonspiel nehmen“, zeigte sich TBV-Trainer Florian Kehrmann nach Spielende versöhnlich.

 

Gegenüber dem jüngsten Aufeinandertreffen mit den Norddeutschen im Pokal-Halbfinale fehlten den im roten Auswärtsdress spielenden Lippern neben Christoph Theuerkauf noch Kapitän Andrej Kogut, Andreas Cederholm und Lukas Zerbe. Weil damit bereits zwei Linkshänder im Lemgoer Aufgebot fehlten, berief Florian Kehrmann erstmals den 21-jährigen Hark Hansen aus dem Team HandbALL in den Profikader. Eine weitere Besonderheit: Mit Peter Johannesson, Finn Zecher und Mark van den Beucken waren gleich drei Torhüter mit an die Ostsee gereist. Und letzterer sollte unabhängig vom Ergebnis einen gelungenen Ausstand bekommen.

 

Aber der Reihe nach: Mit Spaß und Kampf, so formulierte es Kehrmann im Vorfeld, wollten die Lipper dem Rekordmeister Paroli bieten. Und zumindest in Teilen gelang dies in den ersten Minuten gegen hochentschlossen wirkende Kieler noch sehr gut: Bjarki Már Elísson eröffnete mit seinem 87. Siebenmeter-Treffer den Torreigen in der stimmungsvollen Wunderino-Arena, ehe ein Reinkind-Doppelpack den ersten Rückstand nach drei Minuten nach sich zog.

 

Das 1:3 wussten die Gäste im Handumdrehen durch Marcel Timm und Elísson, der per Expresspass von Peter Johannesson in ansonsten eher seltenen Gegenstoß-Momenten auf die Reise geschickt wurde, zu kontern. Sehenswert auch, wie Elísson den Ball in der 9. Minute durch die Beine von THW-Keeper Niklas Landin zum 4:4 zwirbelte. Als die Lipper immer wieder aus dem Positionsangriff heraus versuchen mussten, Lücken im Kieler 6:0-Abwehrdickicht zu reißen, begann der Kampf gegen die Uhr. Immer wieder rannte sich Lemgo fest, Kiel schaltete blitzschnell um und stellte mit einem 4:0-Lauf auf 4:8.

 

Keine zwölf Minuten waren gespielt, als Kehrmann in der Auszeit Isaias Guardiola und Timm fürs Überzahlspiel an den Kreis beorderte. Und dieser bewährte Kniff sollte auch fruchten: 18 Minuten waren gespielt, als sich der TBV durch zwei Tore von Isaias Guardiola, dem eingewechselten Fynn Hangstein und Elísson auf drei herangekämpft hatte – 8:11. Zuvor hatte Johannesson noch einen Sagosen-Strafwurf stark pariert. Dann nahm jedoch das Unheil seinen Lauf: Obwohl man sich offensiv immer wieder durchkombinierte, schien das Kieler Tor auf einmal wie verhext.

 

Die Hausherren zogen die Zügel an – und die Lipper kamen nach ungenauen Abschlüssen nicht mehr rechtzeitig in die Abwehr. Kehrmann zückte nach 25 Minuten zum zweiten Mal die Grüne Karte, um seine Mannen wachzurütteln. In der Kürze jedoch ohne Erfolg. Etwas mehr als zehn Minuten hielt der Lemgoer Torfluch an, ehe Dani Baijens an Landin vorbeiwuchtete. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zebras bereits auf 9:19 davongezogen.

 

Bezeichnend für einen gebrauchten ersten Durchgang: Ein Lattentreffer von Kiels Sven Ehrig landete vor den Füßen von Sagosen, der mühelos zum 9:20-Pausenstand traf. Für den zweiten Durchgang konnte das Stichwort nur Schadensbegrenzung lauten. „Die zweite Viertelstunde in der ersten Halbzeit war wirklich eine Katastrophe, da fehlten uns Überzeugung und Einsatzwillen. In der Kabine wurde es dann auch ein bisschen lauter“, konnte Kehrmann trotz der Personalproblematik bis dato keinesfalls zufrieden mit der Darbietung seiner Mannschaft sein.

 

Nun zum Positiven: Lemgo ließ sich trotz des aussichtslosen Unterfangens nicht hängen – obwohl man sich nach 33 Minuten bereits mit 14 Toren im Hintertreffen sah. Angeführt von Finn Zecher, der sich anschließend gleich mehrfach auszeichnen konnte, landete der TBV zunächst einen 4:0-Lauf zum 23:12. Weil die Kieler trotz vieler Wechsel das Torewerfen natürlich nicht einstellten, bot sich den Zuschauern im zweiten Durchgang ein munterer Schlagabtausch, den die Lipper mit 14:13 letztlich sogar für sich entschieden. Vor allem Timm (3) und Simak (4) taten sich als Torschützen hervor.

 

Entsprechend nachsichtig zeigte sich auch Florian Kehrmann nach der Partie: „Wir wussten, dass das heute eine ganz schwierige Aufgabe wird. Wir hatten heute ein paar Personalprobleme, die wir nicht wegstecken konnten. Dass wir gegen eine Mannschaft wie den THW Kiel, die fast in Bestbesetzung antreten kann, nicht über 60 Minuten dagegenhalten können – das war klar.“ Dennoch sei die zweite Halbzeit ein Lichtblick gewesen.

 

Ebenso wie der Ausstand von Mark van den Beucken, der den TBV bekanntlich nach der Saison verlassen wird. Der Niederländer war in der 55. Minute gerade aufs Feld gekommen, als er gleich den Tempogegenstoß von Harald Reinkind sehenswert vereitelte – und von seinen Teamkollegen geherzt wurde. Als er daraufhin noch Kiels Malte Voigt einen Freien wegnahm, war der höchst gelungene Kurzeinsatz perfekt.

 

TBV Lemgo Lippe: Johannesson (3 Paraden), Zecher (4 Paraden), van den Beucken (2 Paraden); Elísson (7/4), I. Guardiola (2), Simak (4), Carlsbogård (3), Schagen, Timm (4), Hangstein (2), G. Guardiola, Hansen, Geis, Reimann, Baijens (1).