Von diesem Spiel wird man sich noch lange erzählen: Die Art und Weise, wie der TBV Lemgo Lippe im ersten Halbfinalspiel des REWE Final4 den DHB-Rekordpokalsieger und Titelverteidiger THW Kiel beim 29:28 (11:18) letztlich in die Knie zwang, hätte kein Drehbuchautor dieser Welt besser schreiben können. Lemgo steht im Finale des DHB-Pokals 2020!

 

Aber der Reihe nach: Florian Kehrmann, der vor dem Anwurf die Kernaufgabe darin sah, „Kiel aus dem Tempo zu bringen, ihnen die erste und zweite Phase wegzunehmen und vorne selbst gut abzuschließen“, baute von Beginn an auf Christoph Theuerkauf in der ersten Sieben, „der sich dieses Spiel einfach verdient hat“. Auch Kapitän Andrej Kogut meldete sich für das Spiel des Jahres nach Wadenproblemen wieder rechtzeitig fit.

 

Und Theuerkauf war derjenige, der den ersten, langgezogenen Angriff der Lipper nach knapp eineinhalb Minuten zur 1:0-Führung verwertete. Dies sollte allerdings der erste und einzige Vorsprung einer gebrauchten ersten Hälfte gewesen sein. Eine Nachlässigkeit im eigenen Angriff begünstigte zunächst den Führungswechsel durch den vorgezogenen und immer wieder früh störenden Domagoj Duvnjak zum 1:2. Bjarki Már Elísson glich zunächst aus.

 

Die erstmalige Zwei-Tore-Führung durch Niclas Ekberg wusste der TBV durch sein niederländisches Duo noch zu kontern: Dani Baijens und Bobby Schagen trafen. Obwohl auch die Kieler bis dato nicht fehlerfrei agierten, tat sich der TBV nach dem erneuten Ausgleich durch Isaias Guardiola zum 5:5 zunehmend schwerer.

 

Verworfene Bälle mündeten in einem 4:0-Lauf der Norddeutschen, den Kehrmann beim Stand von 5:9 nach 15 Minuten mit einer Auszeit unterbrach: „Das Wichtigste ist, dass wir in die Abwehr kommen und unsere Chancen nutzen“, gab er seinen Schützlingen mit auf den Weg. Ohne Erfolg: Während sich im Lemgoer Spiel Unsicherheiten im Positionsangriff und vergebene Chancen abwechselten, wusste der Favorit dies konsequent zu bestrafen. Als Andreas Cederholm per Einzelaktion auf 7:11 gestellt hatte, ließ Kehrmann Überzahl spielen.

 

Der TBV erspielte sich prompt aussichtsreichere Möglichkeiten, belohnte sich aber nicht – oder warf dem THW gar den Ball ohne Bedrängnis in die Arme. Die Kieler erhöhten und lagen nach Ende des ersten Durchgangs mit sieben Toren gegen zu fehlerbehaftete Lipper schier uneinholbar vorn – dachte zu diesem Zeitpunkt wohl ganz Handball-Deutschland. Nur 48 Prozent der Lemgoer Würfe waren bis dato von Erfolg, hinzu kamen sieben technische Fehler. Es sprach wahrlich nicht mehr viel für den TBV – oder allgemein für Spannung.

 

Der TBV sollte die Zuschauer eines Besseren belehren. Was folgte, war ein spektakuläres Comeback, für dessen Beschreibung vielen Akteuren im Anschluss die Worte fehlten. Aber von vorn: Die Lipper, die schlichtweg nichts mehr zu verlieren hatten, kamen schwungvoll aus der Kabine.
Durch Kogut, Isaias Guardiola, eine von noch vielen weiteren Johannesson-Paraden und Jonathan Carlsbogård arbeitete sich der TBV nach vier Minuten auf 14:18 heran. Ein Weckruf für den Favoriten, der teils auch auf Einladung wieder auf 14:21 davonziehen konnte.

 

Doch Lemgo ließ sich dadurch die nun wesentlich bessere Laune am Spiel nicht verderben – und wurde immer mutiger. „Die Jungs haben an sich geglaubt und Stück für Stück ist es dann irgendwie passiert. Kiel hat die Fehler gemacht, die wir in der ersten Halbzeit gemacht hatten“, versuchte Kehrmann das Unfassbare in Worte zu fassen.

 

Vier Tore hatte der TBV nach einer Dreiviertelstunde aufgeholt, als Elísson zunächst abermals vom Strich die Nerven behielt und kurz darauf per Gegenstoß auf 20:24 verkürzte. Die Lipper agierten nun wieder deutlich stärker in der Abwehr, stellten sich der hochgefährlichen Kieler Rückraumachse um Sagosen, Weinhold und Zarabec immer wieder erfolgreich in den Weg – und kamen so auch in ihr favorisiertes Tempospiel.

 

Als sich der völlig ausgewechselte Carlsbogård entschlossen zum 23:25 durchgetankt hatte, hielt es die mitgereisten TBV-Anhänger schon nicht mehr auf den Sitzen. Als Kehrmann seine Spieler in der Auszeit beisammenhatte, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Schon jetzt sichtlich stolz darauf, wie seine Mannschaft zurückgekommen war.

 

„Wir haben in der zweiten Halbzeit die einfacheren Dinge gespielt, im Angriff nicht mehr zu viel überlegt. Letztlich war der Schlüssel zum Sieg aber die Abwehrleistung“, konstatierte Kehrmann im Anschluss am Sky-Mikro. Dani Baijens konterte einen Sagosen-Fehlpass in der 53. Minute zum 26:27-Anschlusstreffer. Noch eine Johannesson-Parade, im Gegenzug holte Carlsbogård einen Siebenmeter heraus, Elísson trat an – Ausgleich!

 

Spätestens jetzt war dem THW die Selbstverständlichkeit abhandengekommen. Als Johannesson dem Ex-Lemgoer Hendrik Pekeler in überragender Manier einen Freien wegnahm, brachte Elísson den TBV nach etwas mehr als 56 Minuten wieder in Führung – die TBV-Kurve stand Kopf. Nach Weinholds Ausgleich machte ein schwedisches Duo den Wahnsinn perfekt: Cederholm traf in der letzten Minute zum 29:28, Johannesson lenkte das letzte Kieler Geschoss wenige Sekunden vor Schluss an die Latte. Ende.

 

Kehrmann: „Heute war die Mannschaft in den entscheidenden Phasen sehr cool und hatte das Glück, das im letzten Heimspiel noch gefehlt hatte. Von diesem Spiel werden wir noch lange sprechen, das müssen wir erst einmal sacken lassen. Aber: Wir müssen schnell durchatmen und schnell regenerieren. Wir sind noch nicht fertig.“

 

TBV Lemgo Lippe: Johannesson, Zecher; Elísson (6/3), Kogut (2), I. Guardiola (2), Simak (1), Carlsbogård (2), Theuerkauf (2), Schagen (6), Timm, Hangstein, Zerbe, G. Guardiola (4), Cederholm (2), Geis, Reimann, Baijens (2).